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Geschichte von Friedrich & Heike Reinemann

 
WEIHNACHTEN 1945

Das erste Weihnachtsfest nach Kriegsende stand bevor. Es herrschte allergrößte Armut und die Menschen hatten nicht einmal das Nötigste. Die Jungen der Familien streunten herum, wie die wilden Hunde, versuchten etwas Essbares zu ergattern. Entweder bei den Besatzern, in Wickede waren es die Engländer, oder auf den Bauernhöfen, die "von der Rückseite" besucht wurden.

Manchmal waren es zwei Hühnereier aus den Nestern in der Scheune oder Schweine-kartoffeln aus den Ställen. Es ging zu dieser Zeit nur um eines: Wie bekommen wir etwas in den Magen. So hatten wir fast vergessen, dass das Christkind bald kommen würde. Unsere Erwartungen waren auf Null gesunken. Mein Vater hatte seine Arbeit auf der Zeche als Förderaufseher wegen seiner Parteizugehörigkeit verloren. Als Bergmann hätten ihm Sonderrationen zugestanden, jetzt war das auch nicht mehr zu erwarten.

Unser Haus in Wickede war übervoll belegt. Unsere Mitbewohner waren ausgebombte Familien, die Schulzes,  Fräulein Schlüchtermann und die Trippes waren bei uns einquartiert worden. In der Woche vor Weihnachten kam noch eine Flüchtlingsfamilie dazu, Frau Wiegand mit zwei Töchtern. Für sie mussten wir auch noch unser Wohnzimmer frei machen. Die Obrigkeit in Wickede trug eine rote Armbinde mit dem Sowjetstern und sie bestimmten, wer wo wohnen sollte. Sie brachten ein großes Bett mit, einen Tisch und drei Stühle. Das war die Wohnungsausstattung. 

Am Nachmittag saßen wir alle zusammen in der großen Küche am warmen Herd. Es war die einzige geheizte Stube im Haus. Kohlen waren noch reichlich vorhanden, das war schon mal gut. So kam nun der Heiligabend heran.

Opa Fritz, hatte eine Stelle bei einer Baufirma gefunden und er musste bis mittags arbeiten. Nachmittags gingen mein Papa und ich auf die Suche nach einem Weihnachtsbaum. Ein „Geheimtipp“ war der Wald um den Brackeler Flughafen. Dort waren alte Bunkeranlagen und es war nicht ungefährlich dort, denn überall lagen Granaten und Munition aller Kaliber herum. Wir hatten uns vor Monaten schon mal bedient und Pulverstangen aus den 8.8 Granaten geklaut. Als wir durch den Stacheldrahtzaun geklettert waren, sahen wir, dass alles was Nadeln hatte, schon geklaut war.

Wir marschierten also zurück über die Asselburgstrasse bis zur Haltestelle der Straßenbahn am Hellweg und wollten versuchen bis zum Ostentor zu kommen. Dort war Endstation, denn die Dortmunder Innenstadt war ein einziges Trümmerfeld. Unser Ziel war die Bergbauhauptverwaltung am Katharinentor, gegenüber dem Hauptbahnhof. Papa kannte den Hausmeister, Alfred Brieskorn hieß er, noch von seiner Zeit auf der Zeche Hardenberg. Die VHG, die Vereinigten Holzgesellschaften, hatten angeblich Weihnachtsbäume für die oberen Angestellten spendiert. Da sahen wir unsere letzte Chance, einen Baum zu ergattern. 

Als wir mit der Straßenbahn am Ostentor ankamen, war es dunkel und bitterkalt. Der Hellweg und der Wall waren gesäumt mit riesigen Schuttbergen, in der Mitte nur ein schmaler Trampelpfad, auf dem kaum zwei Menschen nebeneinander laufen konnten. Die Straßen waren dunkel, aus den zerbombten Häusern schien kein Licht auf die Straßen. Wir zogen unsere dünnen Jacken dicht zu und marschierten hintereinander in Richtung Hauptbahnhof. Es waren nur wenige Menschen unterwegs, fast alle eilten stadtauswärts, wohl um noch rechtzeitig in die weniger zerstörten Vororte zu den bescheidenen Weihnachtsfeier zu gelangen. Vor uns war jemand mit einer Laterne unterwegs, das einzige Licht weit und breit. Wir versuchten ihn einzuholen, was uns nicht gelang, er war immer voraus. Das Licht tanzte vor uns hin und her, bis wir fast am Verwaltungsgebäude angekommen waren.

Das große eiserne Tor war geschlossen, mein Vater zog an der Glocke, die hell und laut über den Hof klang. Wir hofften, dass noch einige Bäume oder vielleicht nur ein einziger Baum übrig war. Auf dem Hof lag struppiges Tannengrün verstreut, in den Schmutz getreten und mit Schneematsch zusammen am Boden festgefroren. Da waren keine Tannen, der Hof war leer und wir kehrten enttäuscht um.

„Wartet doch, wartet“, rief jetzt jemand vom Nebeneingang herüber. „Gut, dass ihr da seid, dann kann ich auch gleich nach Hause.“ Alfred Brieskorn humpelte in einem dicken schweren Mantel auf sie zu. In der Hand hielt er einen Schlüssel und mit der anderen zog er einen, mit Sackleinen umwickelten, Tannenbaum hinter sich her. „Den soll ich euch geben. Wurde vorhin gebracht. Das war ein merkwürdiger Kerl, hatte eine Laterne dabei, ich glaube es war eine Grubenlampe. Ich soll ausrichten: Weihnachtsgrüße von KOO oder so ähnlich. Na ja, ihr wisst schon.“ Er schloss das Tor auf, quetschte sich und den Baum durch den Spalt und sperrte von der anderen Seite wieder ab. Er wünschte Frohe Weihnachten und eilte in Richtung Westentor davon.

Mein Vater und ich packten uns den Baum, der weit über 2 Meter hoch war, unter die Arme. Er hinten am schweren Ende und ich vorne. Wir wollten unbedingt die letzte Straßenbahn, den Lumpensammler, wie sie genannt wurde, erreichen. 

Es war weit nach 10 Uhr, als wir durchgewärmt von unserem eiligen Marsch auf den kalten Holzbänken in dem klappernden, rüttelnden Wagon hockten.  Die anderen würden staunen.

Zu Hause angekommen wickelten wir den Baum aus dem Sackleinen. Der Weihnachtsbaumständer war in diesem Jahr auf dem Schwarzmarkt gelandet und wir beschlossen, den Baum einfach an dem dicken Nagel im Deckenbalken aufzuhängen.

Als wir die Tanne in die gute Stube trugen und sie bei Licht betrachteten, staunten wir, dass der Baum so wunderbar dicht und gleichmäßig war. Ich schob die Zweige etwas auseinander, als ich den Strick an der Spitze festbinden wollte. Da fand ich im Inneren, dort wo der gewachsene Stamm sein sollte, einen Besenstiel. Der war mit zahllosen Löchern durchbohrt, in denen schöne, kräftige und dichte Tannenzweige steckten. So einen schönen Baum hatten wir noch nie gehabt.

Oma Änne hatte in Unna beim Pferdemetzger 4 kg Pferdemett ergattert und davon Frikadellen gemacht. Die wurden beim Braten von Minute zu Minute kleiner. Die Menschen aus dem Haus hatten sich alle um den Weihnachtstisch versammelt und gemeinsam haben wir diese herrliche Delikatesse verspeist. Und es war aber auch niemand dabei der gesagt hätte: Ich mag kein Pferdefleisch.  Unsere Untermieter, die mit vier Personen die Küchenkammer bewohnten, hatten aus Wachsresten neue Kerzen gegossen, wir holten die Strohsterne und das Lametta der vergangenen Jahre hervor und schmückten unseren KOOmischen Baum. 

Als die Kerzenstummel dann am Baum brannten, haben wir bis spät in die Nacht unsere alten schönen Lieder gesungen. Es war für alle ein unvergesslicher Heiligabend, im ersten Jahr nach dem Krieg, im alten Haus von Taate und König KOO. 


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